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Leif Tietje: Warum Führung oft unbewusst scheitert

Leif Tietje benennt ein Problem, über das kaum jemand spricht: Viele Führungskräfte treffen Entscheidungen, ohne sich selbst wirklich zu kennen. Statt Klarheit steuern unbewusste Muster, Erwartungen und alte Glaubenssätze den beruflichen Alltag. Genau dort setzt seine Arbeit an.

Leif Tietje zeigt im Interview, warum Persönlichkeitsarbeit die Grundlage für echte Führung ist, wie Krisen zum Wendepunkt werden können und weshalb nachhaltige Karriereklarheit erst dann entsteht, wenn Menschen beginnen, sich selbst wirklich zu verstehen.

Interview mit Leif Tietje

Interview Leif Tietje

Warum verlieren viele Führungskräfte im Laufe ihrer Karriere den Kontakt zu ihrer eigenen Persönlichkeit?

Ich glaube, dass die meisten Menschen überhaupt gar nicht erst in Kontakt mit der eigenen Persönlichkeit gekommen sind.

Sowohl beim Berufseinstieg als auch in der ersten Führungsrolle muss man in der Regel erstmal ankommen, da liegt der Fokus oft zunächst auf der Frage: Was wird jetzt von mir erwartet?

Erst wenn es gelingt, von der Frosch- in die Vogelperspektive zu wechseln, kann die (Selbst-)Reflexion stattfinden, dafür ist aber oft im beruflichen Alltag keine Gelegenheit.

Dazu kommt: Persönlichkeitsarbeit hat in der Businesswelt noch keinen wirklichen Stellenwert. Die Frage „Wer bin ich wirklich?“ klingt nach Therapie, nicht nach Karriereentwicklung.

In meiner Arbeit erlebe ich deshalb immer wieder, dass viele meiner Klienten zum ersten Mal überhaupt mit echter Persönlichkeitsarbeit in Berührung kommen – nicht, weil sie das Thema gemieden hätten, sondern weil es ihnen schlicht nie begegnet ist.

Was bedeutet souveräne Führung in einer Arbeitswelt voller widersprüchlicher Erwartungen?

Ich möchte die Frage gerne in zwei Teile zerlegen.

Was bedeutet zunächst einmal souveräne Führung? Souveränität bedeutet Unabhängigkeit oder Eigenständigkeit. Und bereits an diesem Punkt kommt die Arbeit mit der eigenen Persönlichkeit sowie mit Glaubenssätzen ins Spiel.

Wer sich nicht mit seiner Persönlichkeit und seinen Glaubenssätzen beschäftigt, wird sich automatisch so verhalten, wie er es sich angewöhnt hat und wie es ihm seine Glaubenssätze diktieren. Er ist sozusagen auf Autopilot.

Wenn ich mich jedoch mit meiner Persönlichkeit und meinen Glaubenssätzen auseinandersetze, lerne ich, mich bewusster zu verhalten. Gleichzeitig lerne ich Aspekte meiner Persönlichkeit kennen, die mir so vielleicht noch nicht bewusst waren und die meine Verhaltensoptionen erweitern.

Wenn ich verstehe, wie ich ticke und welche Werte mir wichtig sind, habe ich ein solides Fundament für souveräne Führung.

Und die widersprüchlichen Erwartungen?

Gerade wenn ich mich in meinem Arbeitsalltag widersprüchlichen Erwartungen ausgesetzt sehe, brauche ich diese Klarheit. Sie verleiht mir Stabilität.

Je volatiler und je krisengeschüttelter unser Umfeld ist, desto wichtiger ist es, dass Mitarbeiter sich auf ihre Führungskräfte verlassen können. Diese Sicherheit schaffen gute Führungskräfte durch Zuverlässigkeit und Authentizität. Beides fußt auf der Klarheit über die eigenen Werte, Persönlichkeit und Glaubenssätze.

Wie hilft Persönlichkeitsarbeit dabei, klarere Karriereentscheidungen zu treffen?

Viele Klienten, die zu mir kommen, stehen an einem beruflichen Umbruch. Da ist die junge Juristin, die ihr zweites Staatsexamen nicht geschafft hat, oder die zweifache Mutter, deren Lebensrealität nicht mit der Rückkehr in das Hamsterrad der Marketingagentur vereinbar ist.

Für diese Menschen ist ein Lebensweg, der lange selbstverständlich war, plötzlich weggebrochen. In dieser Situation fehlt ihnen ein Fundament und eine Richtung.

Persönlichkeitsarbeit ist ein zentrales Element dieses Fundaments, auf dem dann ein neuer, stimmiger Karriereweg aufgebaut werden kann.

Der Blick auf die eigene Persönlichkeit hilft zu verstehen: Welche Bedürfnisse habe ich? Wie möchte ich mit anderen Menschen zusammenarbeiten? Wie viel Struktur oder Freiheit brauche ich? Welche blinden Flecken muss ich bewusst beachten?

Zusätzlich schauen wir in der Zusammenarbeit auf die Werte und Glaubenssätze. Indem wir beide sichtbar machen, können wir damit arbeiten. So werden Werte, die mir unbewusst wichtig sind, zu expliziten Prüfsteinen und bisher ebenfalls unbewusste Glaubenssätze, die mich ausbremsen oder einschränken, können im Coaching bearbeitet und aufgelöst werden.

Diese Klarheit ist die Grundlage für Karriereentscheidungen, die langfristig tragen, weil es keine Bauchentscheidungen, sondern reflektierte, souveräne Entscheidungen sind.

Leif Tietje: Führung ohne Selbstreflexion endet im Autopilot 

Zitat Leif Tietje

Welche Rolle spielen persönliche Krisen für echte berufliche Entwicklung?

Aus evolutionärer Sicht sind wir Gewohnheitstiere, denn was wir kennen, ist viel weniger riskant als das Unbekannte.

Persönliche Krisen erzeugen einen Schmerz, der uns zwingt, aus diesem gewohnten Trott auszubrechen, es entsteht eine „weg-von“ Motivation.

So war es bei mir. Nichts hat meinen Karriereweg so stark beeinflusst wie die Diagnose Trisomie 21 meines Sohnes. Mein gewohnter Weg war der des IT-Consultants, aber der Job machte es mir unmöglich, für meine Familie so da zu sein, wie sie mich brauchte. Dieser Schmerz zwang mich, meinen beruflichen Weg grundlegend zu hinterfragen.

Und so ist es auch bei vielen meiner Klienten. Ich erwähnte bereits die Beispiele der Marketing-Expertin und der Jurastudentin, die sich beide durch persönliche Krisen zur beruflichen Veränderung gezwungen sahen.

Diese Krisen tun weh. Aber sie öffnen Räume für Fragen, denen wir zuvor ausgewichen sind: Was ist mir wirklich wichtig? Wer bin ich, wenn ich Rollen und Erwartungen außen vorlasse?

Aber eine Krise allein reicht nicht aus. Während uns Schmerz in Bewegung setzen kann, können wir uns doch sehr schnell auch an Schmerzen gewöhnen.

Deshalb hören wir im Coaching nicht auf, wenn der Schmerz nachlässt. Meine Klienten entwickeln einen Nordstern und damit eine hin-zu Motivation, die eine nachhaltige Transformation hin zu beruflicher Erfüllung möglich macht.

Wie hat die Erfahrung als Vater eines Sohnes mit Trisomie 21 Ihren Blick auf Führung verändert?

Vater eines Sohnes mit Trisomie 21 zu werden, hat nicht nur meine Sichtweise auf Führung verändert…

…es hat mein ganzes Leben verändert.

Da wir nur uns selbst verändern können und niemals andere, stoßen wir im zwischenmenschlichen Miteinander, ja immer dann an Grenzen, wenn wir versuchen, unser gegenüber zu verändern.

Und genau das erlebe ich immer wieder mit meinem Sohn. Da erzeugt Druck nichts als Gegendruck. Er zeigt mir seit Jahren auf, wie individuell unterschiedlich die Bedürfnisse eines jeden Menschen sind und wie wichtig es ist, diese zu achten.

Darüber hinaus habe ich gelernt, dass jeder die Dinge so gut macht, wie er kann. Dass es nichts mit mir zu tun hat, wenn jemand nicht das macht, was ich möchte.

Diese Erfahrung hat mein Führungsverständnis tief geprägt: Führung funktioniert nur, wenn ich verstehe, wie der andere tickt und dabei ist die Auseinandersetzung mit einem fundierten Persönlichkeitsmodell außerordentlich hilfreich.

Führungskräfte, die sich sowohl mit den eigenen Bedürfnissen, Mustern und Motivationen als auch mit denen der Menschen um sich herum auseinandersetzen, haben ganz andere Möglichkeiten, menschliche Verbindungen aufzubauen und vertrauensvoll führen, anstatt nur zu managen.

Was ist der erste Schritt zu mehr Karriereklarheit und wie kann man mit Ihnen in Kontakt treten?

Bei mir im Coaching ist der erste Schritt zur Karriereklarheit immer der Blick auf dich.

Indem wir uns damit beschäftigen, wie du tickst – also was deine Werte, deine Persönlichkeit und deine Glaubenssätze sind – klären wir deine ganz persönliche Basis.

Auf dieser Grundlage beschäftigen wir uns damit, was du beruflich brauchst und was deine Kompetenzen sind. So erweitern wir deine persönliche Basis zu einem beruflichen Fundament.

Im dritten Schritt helfe ich dir, deinen beruflichen Nordstern zu definieren. Aus Fundament und Richtung ergibt sich ein klarer beruflicher Weg – das ist Karriereklarheit.

Wenn du Lust hast, dich auf diese Reise der Selbsterkenntnis zu begeben, freue ich mich, wenn du mich über LinkedIn kontaktierst oder ein kostenloses Erstgespräch buchst. Den Link findest du auf meiner Website.

Über Leif Tietje

Leif Tietje ist Karrierecoach in Hamburg. Er begleitet Führungskräfte und Menschen in beruflichen Umbruchsituationen dabei, ihre Persönlichkeit, Werte und Glaubenssätze als Fundament für einen klaren, stimmigen Karriereweg zu nutzen. Dabei ist der Jobwechsel nur eine von drei möglichen Wegen, auf denen er seine Klienten begleitet.

Als Vater eines Sohnes mit Trisomie 21 und langjähriger Tech Leader in internationalen Konzernen verbindet er praktische Führungserfahrung mit echtem Verständnis für das, was Menschen antreibt und bewegt.

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