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Denis Martin kennt das falsche Leben

Viele Menschen funktionieren jahrelang in einem Leben, das sich irgendwann nur noch wie eine Rolle anfühlt. Sie erledigen ihre Aufgaben, erfüllen Erwartungen und verlieren dabei leise den Kontakt zu sich selbst. Oft merken sie erst viel zu spät, dass sie sich unterwegs irgendwo selbst verloren haben und nur noch versuchen, irgendwie weiterzumachen.

Denis Martin spricht genau über diesen Punkt, den viele verdrängen. Über Konditionierungen, die uns klein halten. Über die Angst vor echter Ehrlichkeit mit sich selbst. Und über die unbequeme Erkenntnis, dass ein „ganz okayes Leben“ manchmal nur ein anderes Wort für Stillstand ist. Dieses Interview trifft Menschen, die spüren, dass sie längst jemand geworden sind, der sie eigentlich nie sein wollten.

Interview mit Denis Martin

Interview Denis Martin

Warum merken viele Menschen erst spät, dass sie ein Leben führen, das eigentlich nicht ihres ist?

Wir Menschen kommen – abgesehen von gewissen Veranlagungen, z.B. genetischer Art – rein und unbefleckt auf die Welt. Ich stelle mir das gerne wie ein unbeschriftetes Blankoblatt vor.

Dann geschieht etwas, das wir “Erziehung” nennen. Als Kinder lernen wir, uns in der Welt zurechtzufinden, indem wir alles imitieren, was unsere engsten Bezugspersonen – meistens die Eltern – uns vorleben.

Unsere Eltern sagen uns, wer wir (ihrer Meinung nach) sind. Wir lernen, wie wir uns zu verhalten haben. Was sich gehört und was nicht. Wer und was gut, böse, richtig und falsch ist. Und so entwickeln wir Stück für Stück ein Bild über uns selbst, andere Menschen und die Welt…

Und daraus entstehen ganz spezifische Denk- und Verhaltensmuster, die wir nicht in Frage stellen und die wir in unser Erwachsenenleben mitnehmen.
Das nennt man Konditionierung.

Man kann es sich so vorstellen, dass unsere Konditionierung wie ein Softwareprogramm ist, das in der Kindheit auf unser Betriebssystem gespielt wurde und das unser Verhalten steuert.

So gehen wir nun durchs Leben und machen immer wieder herausfordernde Erfahrungen, an denen wir leiden: Die/der Partner:in verlässt uns. Wir verlieren unseren Job. Werden krank usw.

Die Art und Weise, wie wir auf unsere Lebensumstände reagieren, hängt maßgeblich von unserer Konditionierung ab. Es ist also keine Überraschung, dass wir uns immer wieder in ähnliche Situationen hineinmanövrieren.

Es ist paradox: Erst durch unser wiederholtes Leiden kommen wir möglicherweise irgendwann auf die Idee, den Blick nach innen zu richten… und festzustellen, dass wir vielleicht gar nicht die Person sind, die wir zu sein glauben – sondern einfach bestimmte Überzeugungen und Verhaltensweisen von anderen übernommen haben.

Wenn Menschen – durch Ansätze, wie z.B. Coaching oder Therapie – damit beginnen, sich selbst zu erforschen, eröffnet sich ihnen die Chance, ihren wahren Wesenskern zu erkennen und festzustellen, dass sie möglicherweise für ein ganz anderes Leben bestimmt sind.

Der entscheidende Faktor ist meiner Erfahrung nach der Leidensdruck: je höher er ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch ein echtes Interesse an sich selbst entwickelt.

Wenn das passiert, kommen die Menschen in Bewegung und können sich das Leben kreieren, das wirklich zu ihnen passt und das sie nachhaltig glücklich macht. Das sehe ich bei meinen Klient:innen immer wieder.

Was kostet es langfristig, sich selbst immer wieder zu ignorieren?

In jedem Fall kann es teuer werden – vor allem in Bezug auf das Lebensglück und die mentale Gesundheit. Zunächst mal müssen wir aber untersuchen, was “sich selbst ignorieren” eigentlich bedeutet. Wenn wir uns selbst ignorieren, heißt das ja, dass wir uns selbst – oder zumindest Aspekte unserer selbst – mehr oder weniger (un-)bewusst nicht wahrnehmen bzw. ihnen keine Aufmerksamkeit schenken.

Wenn beispielsweise ein Mensch tief in sich schon lange den Wunsch verspürt, seine Empathie zum Beruf zu machen und anderen Menschen als Coach zu mehr Lebensglück zu verhelfen – stattdessen aber an seinem ungeliebten Job festhält, ist das ja eindeutig eine Form von Ignoranz.

In jedem Menschen ist ein ganz natürliches Potenzial angelegt, das entweder entwickelt wird, oder nicht. Wenn wir uns selbst ignorieren, wird das, was wir als Fähigkeiten und Leidenschaften in uns tragen, logischerweise (zumindest teilweise) verkümmern.

Im Coaching begegnen mir immer wieder Menschen, die ihre Visionen oder Themen, die sie wirklich begeistern – was übrigens oft mit den eigenen Bedürfnissen und Kompetenzen zusammenhängt – zwar klar benennen können, aber dennoch nichts verändern.

In uns Menschen gibt es Mechanismen, die uns in der Komfortzone festhalten. Dort, wo es zwar bequem ist, wo sich aber auch nicht viel bewegt.
Also warten wir und schieben auf.

Oftmals jahrzehntelang und dann blicken wir zurück und sagen reuevoll: “Hätte ich mich doch damals nur getraut, zu kündigen und mich selbstständig zu machen… meinen Partner zu verlassen… oder die Weltreise zu machen, von der ich immer geträumt hatte.”

Was kostet es also, wenn man sich selbst so lange ignoriert? Es kostet gewissermaßen das eigene Leben. Warum suchen viele im Außen nach Antworten, die sie eigentlich nur in sich selbst finden können?

Einerseits, weil wir das so gelernt haben und andererseits, weil wir oft schmerzhaften Schattenseiten begegnen, wenn wir damit beginnen, die Antworten auf unsere Lebensfragen in uns selbst zu suchen.

Wir sind so fasziniert von allem, was man anfassen kann. Und wir glauben vor allem an das, was man sehen kann. Das fängt schon an, wenn wir als Kinder überschwänglich Anerkennung und Backenkneifer dafür bekommen, dass wir so süß aussehen.

Oder, wenn wir unser Kuscheltier mit unserem Leben verteidigen oder uns mit unserem Lieblings-Superhelden identifizieren. Wir lernen, dass Wert, Orientierung und Sicherheit von außen kommen sollen. So verlagert sich unser Vertrauen weg von der eigenen inneren Stimme.

Der Blick nach außen ist bequem. Er gibt schnelle Antworten und erspart uns, uns mit Unsicherheit, Zweifeln und Ängsten auseinanderzusetzen. Es ist doch total attraktiv, dem nächsten “shiny object”, der nächsten Karotte, hinterherzulaufen, die uns das Glück versprechen.

Hinzu kommt: Im Außen zu suchen heißt oft auch, Verantwortung abzugeben. Im Innen zu suchen bedeutet, sie zu übernehmen. Viele Menschen sind nicht bereit, die volle Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen, obwohl genau an der Stelle echte Klarheit entsteht, aus der ein stabiler innerer Kompass
entwickelt werden kann, der eine zuverlässige Führung in allen Lebenslagen bietet.

Ich selbst habe mein Glück lange im Außen gesucht und bin immer wieder daran gescheitert. Das Spannende ist, dass unser Ego nach einem Erfolgserlebnis nicht lange zufrieden ist, sodass es schon bald den nächsten Mangel kreiert.

Durchbrechen können wir diesen Teufelskreis erst, wenn wir die Aufmerksamkeit nach innen nehmen und erkennen, was in uns steckt und sich durch uns ausdrücken möchte. Man könnte das unsere “Bestimmung” nennen.

Denis Martin räumt mit Selbsttäuschung auf

Zitat Denis Martin

Woran erkennt man, dass man sich selbst längst verloren hat?

Es ist oft ein schleichender Prozess. Indikatoren können z.B. sein, dass man sich vergleicht, Bestätigung sucht, Entscheidungen aufschiebt oder von Meinungen anderer abhängig macht. Dass man funktioniert, aber sich
innerlich leer oder fremd fühlt.

Viele beschreiben im Coaching auch, dass sie irgendwann gar nicht mehr genau sagen können, was sie eigentlich wollen – nur noch, was sie „sollten“. Diese Menschen haben den Kontakt zu ihren Bedürfnissen (fast) vollständig verloren und landen dann oft im sog. “people pleasing”.

Ein weiteres Zeichen ist, wenn Stille unangenehm wird. Ich habe mich jahrelang lieber abgelenkt – z.B. indem ich mich durch übermäßiges Arbeiten beschäftigt hielt und an den Wochenenden oft ausging – anstatt mir selbst zu begegnen.

Außerdem kann es sein, dass Menschen, die sich selbst verloren haben, versuchen, jemand zu sein oder ein Bild abzugeben, das ihnen gar nicht entspricht.

Die gute Nachricht: Wenn wir uns verloren haben, können wir uns auch wiederfinden. Die Verbindung zu unserem Kern ist nicht weg, sie ist nur überlagert.

Was hält Menschen davon ab, wirklich ehrlich mit sich selbst zu werden?

Vor allem Angst und Gewohnheit.

Ehrlich mit sich selbst zu sein bedeutet oft, sich unbequemen Wahrheiten zu stellen: Entscheidungen, die man zu lange aufschiebt, Beziehungen, die nicht mehr passen, oder ein Leben, das sich anders entwickelt hat, als man es sich eingestehen möchte.

Das kann Konsequenzen haben und genau davor schrecken viele zurück.
Dazu kommt, dass wir wahre Meister darin sind, uns selbst Geschichten zu erzählen, die uns im Status quo halten: „Es passt schon“, „So schlimm ist es nicht“, „Irgendwann ändere ich das“ usw.

Letztens hatte ich ein Gespräch mit einer Person, die sich für unsere Coaching-Ausbildung interessiert hat. Eigentlich wusste sie sehr genau, dass sie sich in ihrer Festanstellung nicht mehr wohlfühlt und sich nach mehr Selbstbestimmung sehnt. Und trotzdem kam imme wieder ein Zweifeln und Relativieren: „Ja, aber eigentlich ist mein Leben ja ganz ok…“

Das Beispiel zeigt meiner Meinung nach sehr gut, was uns oft davon abhält, ehrlich mit uns selbst zu sein: und zwar nicht die fehlende Klarheit, sondern der Moment, in dem wir erkennen, dass Ehrlichkeit Veränderung bedeuten würde.

Wenn wir ehrlich mit uns selbst werden, spüren wir zwar einerseits, dass das Gras auf der anderen Seite des Zauns grüner ist – andererseits wird uns aber auch klar, dass wir unser bekanntes Terrain verlassen müssen. Und das macht uns Angst.

Ich kann nur sagen: Mach’ es trotzdem – es lohnt sich! Denn wahre Erfüllung können wir erst dann fühlen, wenn wir wirklich authentisch leben.

Was ist der erste ehrliche Schritt zurück zu sich selbst und wie kann man mit Ihnen arbeiten?

Der erste ehrliche Schritt zurück zu sich selbst ist in meiner Erfahrung überraschend unspektakulär: innehalten und sich fragen, „Wer bin ich und was will ich wirklich?“.

Wenn Menschen diese Frage wirklich ehrlich beantworten, könnte es sein, dass sie der unbequemen Wahrheit begegnen, dass sie nicht wirklich ihr eigenes Leben leben.

Dann gilt es, dranzubleiben… und wieder zu lernen, sich selbst zuzuhören und darauf aufbauend stimmige Entscheidungen zu treffen. Coaching kann dabei ein hilfreicher Ansatz sein.

Mit mir kann man auf zwei Wegen arbeiten:
Zum einen begleite ich im 1:1 Coaching leistungsgetriebene Menschen dabei, zu erkennen, was ihnen wirklich wichtig ist und daraus ein stimmiges Leben zu gestalten, beruflich wie privat.

Zum anderen bin ich Gründer der Coaching-Plattform hapily.de und bilde empathische Menschen, die sich einen Beruf mit Sinn und Tiefe wünschen, zu systemischen Life Coaches aus.

In der Ausbildung geht es nicht nur um Methoden, sondern vor allem darum, den eigenen inneren Weg zu vertiefen und gleichzeitig zu lernen, andere Menschen professionell und mit Herz zu begleiten.

Über Denis Martin

Als Coach, Gründer der Coaching-Plattform hapily.de und Ausbilder von Coaches in seiner eigenen Akademie unterstützt Denis Martin Menschen dabei, ihre volle Authentizität zu entfalten, indem sie ihren wahren Wesenskern erkennen und den Mut finden, diesen auch zu leben.

Außerdem engagiert sich Denis Martin als Hochschuldozent und zeigt angehenden Life Coaches, wie sie sich eine tragfähige Selbstständigkeit aufbauen können.

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