Interview

Mariam Heuer: Führung, die wirkt und Menschen mitnimmt

Mariam Heuer begleitet Führungskräfte und Geschäftsleitende dabei, Führung wirksam und alltagstauglich zu gestalten. Als studierte Betriebswirtin mit Schwerpunkt Personalmanagement und langjähriger Führungserfahrung im Mittelstand, kennt sie die Realität moderner Führungsrollen aus eigener Erfahrung. Verantwortung unter Zeitdruck, fehlende Vorbereitung und komplexe Veränderungsprozesse gehören für sie zum Führungsalltag und nicht zur Ausnahme.

Im Interview spricht Mariam Heuer darüber, warum Veränderung trotz guter Konzepte oft scheitert, welche Rolle Haltung gegenüber Methoden spielt und weshalb Vertrauen einer der stärksten Erfolgsfaktoren im Business ist. Ein Gespräch über Führung als Beziehungsarbeit klare Kommunikation und Entwicklung ohne Druck.

Im Interview mit Mariam Heuer

Interview Mariam Heuer

Warum scheitern viele Veränderungsprozesse trotz guter Absichten?

Gute Absichten allein schaffen keine Veränderung. In meiner Arbeit sehe ich sehr häufig, dass Veränderungsprozesse zwar sauber konzipiert sind, aber an einem entscheidenden Punkt vorbeigehen: am Menschen. Veränderung wird oft als rein sachliches Projekt verstanden, dabei ist sie immer auch emotional.

Viele Organisationen unterschätzen, wie stark Veränderung in bestehende Routinen, Identitäten und Sicherheitsbedürfnisse eingreift. Es wird erklärt, was sich ändert, aber zu wenig darüber gesprochen, warum und was das konkret für die einzelnen Menschen bedeutet. Gleichzeitig wird erwartet, dass alle sofort „mitziehen“.

Dieses Mitziehen zu erreichen, ist aber echte Führungsarbeit, die in erster Linie aus guter, adressatengerechter Kommunikation besteht. Wandel bedeutet für Mitarbeitende erstmal Unsicherheit und Unklarheit. Die Führungskraft muss eine wertschätzende und vertrauensfördernde Umgebung schaffen und den aktuellen Zustand und das bisher Geleistete wertschätzen, bevor es in die Veränderung geht.

Ein weiterer Punkt: Führungskräfte sind selbst Teil des Systems. Sie sollen Veränderung tragen, haben aber selbst kaum Raum, ihre eigenen Fragen, Sorgen oder Ambivalenzen zu reflektieren. Dann entsteht eine Schieflage zwischen Anspruch und gelebtem Verhalten, die wir häufig im Coaching thematisieren.

Aus meiner Sicht scheitern Veränderungen nicht an fehlender Motivation, sondern an unzureichender Kommunikation. Veränderung braucht Struktur, aber sie braucht genauso Beziehung, viel Raum für Austausch und die Anerkennung der bisherigen Leistung.

Welche Rolle spielt Haltung im Vergleich zu Methoden im Coaching?

Methoden sind wichtig, aber Haltung ist entscheidend. Ich sage oft: Methoden wirken nur so gut wie die innere Haltung, aus der heraus sie angewendet werden. Ich kann die beste Coaching-Methode nutzen, wenn meine Haltung kontrollierend oder besserwisserisch ist, wird sie nicht greifen.

Haltung zeigt sich darin, wie ich Menschen begegne: Auf Augenhöhe, mit Respekt, mit echtem Interesse. In meiner Arbeit als Coach bedeutet das, dass ich individuell arbeite, jedes Coaching zum Coaching des jeweiligen Klienten mache. Ich leite den Prozess, aber ich belehre nicht ungefragt und dränge niemandem etwas auf, das er nicht möchte. Ich bin klar und direkt in meiner Kommunikation, auch mal konfrontativ, aber immer wertschätzend und respektvoll und ich traue meinen Klienten zu, selbst Lösungen zu entwickeln.

Gerade im Business-Kontext erlebe ich häufig eine starke Fixierung auf Tools und Modelle. Die nutze ich auch gern, denn ich mag Struktur und Klarheit. Aber sie sind Mittel zum Zweck und müssen meines Erachtens gemeinsam in die Praxis übertragen werden. Die eigentliche Wirkung entsteht durch Reflexion und der Auseinandersetzung mit der eigenen Situation und den dazugehörigen eigenen Überzeugungen.

Es gibt auch Führungskräfte, die sich Beratungselemente und konkrete Handlungsempfehlungen wünschen, da verlassen wir dann aber den Bereich des Coachings und begeben uns in Training und Beratung.

Was macht Führung heute wirklich wirksam?

Wirksame Führung ist aus meiner Sicht heute eine Balanceleistung zwischen Ergebnisorientierung und Menschlichkeit. Führungskräfte müssen heute deutlich mehr können als früher: Orientierung geben in Unsicherheit, Entscheidungen treffen und Mitarbeitende einbeziehen, Konflikte moderieren, Feedback geben, Entwicklung fördern und dabei müssen sie auch noch authentisch bleiben und natürlich das Betriebswirtschaftliche im Blick behalten. Das funktioniert nicht über reine Fachlichkeit oder Hierarchie.

Wirksame Führung heißt für mich, klar und respektvoll zu kommunizieren: Klar in der Sache, verbindlich in Entscheidungen und gleichzeitig ansprechbar, respektvoll und menschlich im Umgang. Mitarbeitende wollen wissen, woran sie sind. Sie wollen Sinn verstehen, ernst genommen werden und sich einbringen können. Vor allem wollen Mitarbeitende gesehen werden und ein wichtiger Teil des Ganzen sein.

Ein weiterer zentraler Punkt ist die Selbstführung. Führungskräfte, die sich selbst gut reflektieren, ihre Wirkung kennen und Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen, sind deutlich wirksamer. Führung beginnt immer bei einem selbst. Wenn ich mit Führungskräften arbeite, ist es für mich essenziell, erst einmal zu schauen, was für sie überhaupt gute Führung bedeutet und wie sie gesehen werden wollen. Außerdem sind meines Erachtens eine positive Grundeinstellung und eine gute Portion Optimismus die stillen Erfolgsfaktoren guter Führung.

Mariam Heuer über Führung die handlungsfähig macht

Zitat Mariam Heuer

Warum ist Vertrauen der unterschätzteste Erfolgsfaktor im Business?

Weil Vertrauen nicht direkt messbar ist, aber vieles beeinflusst. In Organisationen mit hohem Vertrauen wird schneller entschieden, offener kommuniziert und konstruktiver gestritten. Fehler werden früher angesprochen, Verantwortung wird übernommen, Zusammenarbeit gelingt besser.

In vielen Unternehmen wird Vertrauen vorausgesetzt, aber im Alltag nicht aktiv gelebt. Gleichzeitig gibt es Kontrollmechanismen, Mikromanagement und eine Kultur, die auf Absicherung ausgerichtet ist. Das passt nicht zusammen.

Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass Verantwortung zu übertragen und Aufgaben inklusive der Verantwortung für das Ergebnis zu delegieren eine der schwierigsten Aufgaben für viele Führungskräfte ist. Kontrolle abzugeben und auszuhalten, dass Mitarbeitende Dinge auf ihre Weise erledigen, fällt vielen schwer, aber es lohnt sich.

Vertrauen entsteht durch konsistentes Verhalten, das heißt, durch Führungskräfte, die Wort halten, transparent kommunizieren, auch unbequeme Dinge ansprechen und selbst Fehler eingestehen können. Ich erlebe immer wieder, wie sehr Vertrauen Initiative freisetzt. Menschen arbeiten engagierter, wenn sie sich sicher fühlen und ihre Führungskraft ihnen etwas zutraut, ohne zu überfordern. Sinn und Erfolge in der eigenen Arbeit erleben zu dürfen, das fördert die Leistungsbereitschaft und die Freude an der Arbeit enorm.

Wie gelingt Entwicklung ohne Druck und Überforderung?

Indem Entwicklung nicht als zusätzlicher Programmpunkt verstanden wird, sondern als Teil des ganz normalen Arbeitsalltags. Und Entwicklung gelingt nur freiwillig. Zwang erzeugt Anpassung, aber keine echte Veränderung. Führungskräfte können Rahmen schaffen, Impulse geben und unterstützen, aber gehen und wollen müssen die Menschen schon selbst, genau wie im Coaching.

Ich arbeite deshalb in der Beratung gern mit kleinen, klaren Schritten. Entwicklung braucht Richtung, aber auch Zeit für Reflexion und Umsetzung. Wichtig ist auch, realistische Erwartungen zu haben, denn Entwicklung ist kein linearer Prozess.

Es wird Rückschritte, Unsicherheiten und Phasen des Zweifelns geben. Wenn das von Anfang an thematisiert wird, entsteht weniger Druck. Und ganz wichtig finde ich es, seine Erfolge auch zu feiern. Das wird im Trubel des Alltags leider häufig vergessen.

Was sollten Coaches und Führungskräfte dringend neu denken?

Aus meiner Sicht sollten wir aufhören, so zu tun, als ließe sich von heute auf morgen einfach alles verändern. Manche Dinge ändern sich vielleicht nie. Da dürfen auch Coaches realistisch bleiben. Der Begriff „Coaching“ wird derzeit stark verwässert durch selbsternannte „Gurus“ ohne fundierte Ausbildung, die mit hochpreisigen Programmen schnelle und garantierte Lebensveränderung versprechen.

Solche Angebote haben für mich mit professionellem Coaching nichts zu tun, weshalb ich hoffe, dass wir zukünftig einen Schutz des Begriffes „Coach“ erwirken können.

Führungskräfte dürfen sich heute glücklicherweise erlauben, nicht alles zu wissen und auch nicht so tun zu müssen. Starke Führung zeigt sich nicht in Perfektion, sondern in klarer Kommunikation, Zielorientierung und Menschlichkeit. Gute Führung braucht den Mut, auch unbequeme Situationen und Entscheidungen anzugehen, anstatt rumzueiern.

Führung darf aber auch Spaß machen und Leichtigkeit mit sich bringen. Das Bild der unnahbaren, nach außen gefühlskalten Führungskraft hat ausgedient. Führungskräfte dürfen humorvoll sein und sie verlieren nicht an Durchsetzungskraft, wenn sie ihren Mitarbeitenden mit Respekt begegnen. Das Gegenteil ist der Fall.

Machen wir uns nichts vor: Coaching, wie auch Führung, können sehr bereichernd und erfüllend sein, aber eben oft auch anstrengend und nervenaufreibend. Führung und Coaching sind keine Rezepte, sondern Beziehungsarbeit in dynamischen Systemen mit echten Menschen.

Über Mariam Heuer

Mariam Heuer ist 42 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in Bramsche. Als Führungsstrategin und Business Coach begleitet sie Führungskräfte und Geschäftsleitende dabei, ihren individuellen Weg zu wirksamer Führung zu finden, praxisnah und auf Augenhöhe.

Sie bringt langjährige Führungserfahrung aus dem Mittelstand sowie ein betriebswirtschaftliches Studium mit dem Schwerpunkt Personalmanagement mit. Als sie selbst ohne große Vorbereitung Führungsverantwortung übernahm, wurde sie sprichwörtlich ins kalte Wasser geworfen. Genau diese Erfahrung prägt ihre Arbeit bis heute. Ihre Coachings und Workshops sind klar praxisorientiert, individuell zugeschnitten und verbinden fachliche Klarheit mit Menschlichkeit, Haltung und einer guten Portion Humor.

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