Manuel Kull beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, warum Introversion im Business noch immer als Nachteil gilt, obwohl viele der wirksamsten Führungskräfte genau hier ihre größte Stärke haben. In seiner Arbeit als Business Coach zeigt er, dass nicht Persönlichkeitstypen scheitern sondern überholte Erwartungen an Führung, Sichtbarkeit und Kommunikation.
Im Interview erklärt Manuel Kull, warum Introversion nichts mit Unsicherheit oder mangelnder Durchsetzungskraft zu tun hat, weshalb introvertierte Führungskräfte häufig bessere Ergebnisse erzielen als ihre extrovertierten Kollegen und wie selbstbewusst introvertierte Präsenz im Führungsalltag entsteht. Ein Gespräch über Führung jenseits von Lautstärke, über Klarheit statt Selbstdarstellung und über die Kraft authentischer Persönlichkeit.
Manuel Kull im Interview

Warum wird Introversion im Business noch immer unterschätzt?
Extrovertiertes Verhalten wird oft noch als Ideal angesehen. Introversion dagegen soll abgelegt werden. Aus Coachperspektive zeigt sich dabei für mich immer wieder: Nicht die Introversion ist das Problem, sondern die Erwartungshaltung an bestimmte Verhaltensweisen. Das ist so, als würde ein Fisch daran gemessen, wie gut er fliegen kann und dabei übersehen, wie souverän er sich im Wasser bewegt.
Deshalb braucht es meiner Meinung nach einen verstärkten Fokus auf den Rahmen, in dem Mitarbeitende ihre Stärken und Potentiale ausleben können. Dieser Fokus liegt aktuell noch zu stark auf dem extrovertierten Ideal, was dazu führt, dass Introvertierte im Business immer noch unterschätzt werden.
Was ist der größte Irrtum über introvertierte Führung?
Einer der größten Irrtümer ist, dass erfolgreiche Führung extrovertiert sein muss. Diesem Gedanken liegen insbesondere zwei Missverständnisse zu Grunde:
Zum einen wird Introversion häufig mit Schüchternheit verwechselt. Schüchternheit ist eine erlernte Angst vor sozialer Bewertung. Deshalb wird fälschlicherweise angenommen, Introvertierte hätten Angst vor sozialer Interaktion und seien deshalb nicht als Führungskräfte geeignet. Dagegen ist Introversion ein stabiles Persönlichkeitsmerkmal, das wie Extroversion weder besser, noch schlechter ist. Die entscheidende Frage ist, was wir aus unseren Stärken und Potentialen machen.
Zum anderen wird angenommen, Introvertierte seien schlechte Kommunikatoren, weil sie weniger sprechen und stärker reflektieren bevor sie sich äußern. Gerade im Business erlebe ich genau das Gegenteil. Die Fähigkeit zuzuhören und dadurch Raum für Gesprächspartner zu geben, ist gerade im Führungskontext besonders wertvoll.
Wegen dieser Missverständnisse wird oft angenommen, Introvertierte könnten keine guten Führungskräfte sein. Dabei zeigen Studien, dass unter bestimmten Rahmenbedingungen introvertierte Führungskräfte sogar bessere Resultate als ihre extrovertierten Kollegen erzielen. Das ist der Fall, wenn sie proaktiv handelnde – also eher fachlich und persönlich reife – Mitarbeitende führen, weil sie den notwendigen Raum für die Entfaltung der Mitarbeitenden gegeben.
Welche Stärke introvertierter Menschen bleibt im Coaching oft ungenutzt?
Eine zentrale Ressource, die im Coaching besonders wertvoll ist, ist die Fähigkeit zur tiefen und ausdauernden Auseinandersetzung mit komplexen Fragestellungen.
Studien zeigen, dass Introvertierte zwar zunächst langsamer in Problemlösungen einsteigen, jedoch haben sie ein längeres Durchhaltevermögen. Deshalb schneiden Introvertierte nicht nur mit fortschreitender Zeitdauer, sondern auch mit zunehmender Schwierigkeit besser ab als Extravertierte.
Für die Gestaltung des Coachingprozesses bedeutet das: Introvertierte Coachees brauchen Raum und Zeit für sich, um den Input vom Coach zu sortieren und zu verarbeiten. Sie profitieren deshalb besonders von schriftlichen Reflexionsaufgaben, Selbstcoaching-Übungen oder Transferaufgaben zwischen den Sitzungen.
Dadurch können sie ihre Ressourcen gezielt einsetzen. Genau aus diesem Verständnis heraus ist auch mein Selbstcoaching-Journal „Selbstbewusst introvertiert als Führungskraft“ entstanden.
Manuel Kull über stille Stärke im Leadership

Woran scheitern introvertierte Führungskräfte am häufigsten im Berufsalltag?
Introvertierte Führungskräfte scheitern selten an ihrer fachlichen Kompetenz, sondern häufig an dem Versuch, einem Führungsbild zu entsprechen, das nicht zu ihnen passt. Viele versuchen dauerhaft extrovertiertes Verhalten zu kopieren.
Zwar braucht es in bestimmten Führungssituationen eher extrovertiertes Verhalten, bspw. bei Präsentationen oder in Meetings, das sollte allerdings bewusst und nur temporär erfolgen. Denn extrovertiertes Verhalten entlädt den Akku und mindert dadurch langfristig die Leistungsfähigkeit, wenn der Akku nicht bewusst wieder aufgeladen wird.
Nachhaltig erfolgreich sind introvertierte Führungskräfte dann, wenn sie einen Führungsstil leben, der ihre introvertierten Stärken und Potentiale gezielt nutzt. Es braucht ein selbstbewusst introvertiertes Verhalten, das punktuell bewusst durch extrovertiertes Verhalten angereichert wird.
Was braucht es wirklich, damit introvertierte Menschen souverän sichtbar werden?
Sichtbarkeit entsteht nicht durch Lautstärke, sondern durch authentische Präsenz und Klarheit. Wie bereits erwähnt, ist wichtig zu verstehen, dass weder Extroversion noch Introversion besser oder schlechter ist. Jeder hat seine Stärken und Potentiale, aufbauend auf seiner Persönlichkeit, die in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich zur Geltung kommt.
Der erste Schritt ist daher Selbstakzeptanz und die Erkenntnis, dass Introversion kein Defizit ist, sondern selbstbewusst eingesetzt Stärken mit sich bringt. Darauf aufbauend kann eine selbstbewusste Präsenz entwickelt werden, die gezielte Kommunikations- und Führungsmethoden einsetzt, die zur introvertierten Persönlichkeit passt. Das stellt schließlich die Grundlage für authentisches Handeln und souveräne Sichtbarkeit dar. Oder wie ich gern sage:
Selbstbewusst introvertiert sein.
Im Coaching sollte hier ein besonderer Fokus auf die Stärken des Coachees gelegt werden. Oft sind diese versteckt oder weggeschoben, weil bisher versucht wurde, extrovertierte Verhaltensweisen einzuüben, in der die introvertierte Persönlichkeit wenig Platz hat.
Was sollten Coaches über Introversion dringend neu denken?
Introvertierte reagieren sensibler auf externe Reize als Extrovertierte, was Auswirkungen auf die Konzentration sowie die Denk- und Leistungsfähigkeit hat. Zudem haben sie insgesamt eine längere Reaktionszeit, treffen also langsamer Entscheidungen.
Um im Coaching den Zugriff auf die Ressourcen introvertierter Coaches zu gewährleisten und die kognitive Leistungsfähigkeit nicht zu beeinträchtigen, sind deshalb zu viel Reize und zu viel Stimuli ebenso wie Stress möglichst zu vermeiden. Konkret bedeutet das, den Coachee gezielt in die Vor- und Nachbereitung einzubeziehen und die Sitzungen klar und nachvollziehbar zu strukturieren, um „Überraschungen“ zu vermeiden.
Auch sind der Coachingprozess und die vom Coach angewandten Coachingmethoden so zu wählen, dass der Coachee in seiner Kraft und Leistungsfähigkeit bleibt. Das erfordert vom Coach die Fähigkeit, das Tempo sowie die durch Interventionen gesetzte Reizdichte bewusst zu steuern.
Über Manuel Kull
Manuel Kull ist seit 2018 als Führungskraft tätig und zertifizierter Business-Coach mit der Zusatzqualifikation Online Coach. In seiner Coachingausbildung hat er sich intensiv mit dem Coaching introvertierter Personen beschäftigt. Er begleitet und unterstützt introvertierte Führungskräfte dabei, ihren selbstbewusst introvertierten Führungsstil zu entwickeln und Lösungen für deren Herausforderungen im Führungsalltag zu finden.
Quellen
Barnes, A. H., Stewart, S. M. (2022) Misconceptions about introverted leaders: how quiet personality types influence the workplace.
Belojevic. G., Slepecevic, V. & Jakovljevic, B. (2001). Mental Performance in Noise: The Role of Introversion. Journal of Environmental Psychology.
Burtăverde, V. (2011): Significant differences between introvert and extrovert people’s simple reaction time in conflict situations. Romanian Journal of Experimental Applied Psychology.
Eysenck, H. J. (1959). Personality and Problem Solving. Psychological Reports.
Firouzeh, S. Azar & Afsaneh, K. (2013). The Effect Of Background Music, Noise And Silence On The Performance Of Introvert And Extrovert Students On The Academic Aptitude Test. Contemporary Psychology.
Geen, R. G. (1984). Preferred stimulation levels in introverts and extroverts: Effects on arousal and performance. Journal of Personality and Social Psychology.
Hofmann, D. A. et al. (2011) Reversing the Extraverted Leadership Advantage: The Role of Employee Proactivity. June 2011 Academy of Management Journal. 54(3).
Matthews, G., Deary, I. J. & Whiteman, M. C. (2008). Personality traits. 2. Auflage.
Matthew, G. & Dorn, L. (1995). Cognitive and Attentional Processes in Personality and lntelligence. In: Saklofske, D. H. & Zeidner, M. (Hrsg.) International Handbook of Personality and Intelligence.
Mohan, V. & Kukmar, D. (1976). Qualitative Aanalysis of the PERFORMANCE of Introverts and Extraverts on Standard Porogressive Matrices. In British Journal of Psychology.








