Interviews

Christian Markgraf: Wenn Klarheit da ist, aber Handeln fehlt

Christian Markgraf begleitet Fach und Führungskräfte, sowie Organisationen dabei, handlungsfähig zu bleiben wenn Herausforderungen komplex werden. Als systemischer Coach und Organisationsentwickler verbindet er langjährige Beratungserfahrung mit einem klaren Blick für innere Muster, Entscheidungslogiken und Zusammenhänge die Entwicklung oft unbewusst blockieren.

Im Interview spricht Christian Markgraf darüber, warum Klarheit allein selten zu Handlung führt, wie echte Veränderung entsteht und weshalb systemisches Coaching dort wirkt, wo klassische Lösungsansätze an ihre Grenzen kommen. Es geht um Selbstverantwortung, innere Stabilität und um Führung, die nicht aus Druck, sondern aus bewusster Haltung heraus wirksam wird.

Christian Markgraf im Interview

Interview Christian Markgraf

Herr Markgraf, wann wird aus einer Herausforderung echtes Wachstum?

Aus meiner Erfahrung wird eine Herausforderung in dem Moment Anstoß für echtes Wachstum, in dem wir uns ehrlich fragen: „Warum fordert mich die Situation gerade heraus? Was zeigt mir das über mich, meine aktuellen Grenzen oder vielleicht auch meine blinden Flecken?“

Viele Menschen bleiben in herausfordernden Situationen stecken, weil sie entweder den Umständen die Schuld geben oder zu hart zu sich selbst sind. Wachstum entsteht jedoch meist genau dann, wenn wir wertfrei akzeptieren, dass die Situation gerade unbequem ist, uns ihr aber dennoch stellen und Verantwortung für unseren Anteil übernehmen.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass uns eine Herausforderung nicht automatisch verändert. Echtes Wachstum entsteht über Zeit und durch Wiederholung. Vor allem dann, wenn wir bereit sind, bestehende Gewohnheiten bewusst zu hinterfragen und uns darin zu üben, neue Entscheidungen auch dann schon zu treffen, wenn sie sich noch ungewohnt anfühlen.

Warum bleiben Menschen und Organisationen trotz Klarheit oft handlungsunfähig?

Wir sollten hier aus meiner Sicht zwischen der Handlungsfähigkeit eines einzelnen (privaten) Menschen und einer Organisation trennen.

Im persönlichen Bereich geht es selten um Wissen oder Klarheit. Wenn wir komplett ehrlich zu uns sind, wissen wir nahezu immer, was zu tun ist und warum wir handeln sollten. Dieses Verständnis haben wir jedoch meistens nur auf der Sachebene, also rational. Dem gegenüber stehen unsere Gewohnheiten, unbewusste Muster, innere Antreiber, Ängste, usw.

Damit entsteht ein innerer Widerspruch: rational ist alles klar, emotional fühlt sich die Handlung aber vielleicht falsch oder zu riskant an. Und in diesem Spannungsfeld, in dem Moment, in dem wir in eine Art innere Verhandlung gehen, gewinnt fast immer das Vertraute, so dass wir erstmal nicht ins Handeln kommen.

In Organisationen kommt noch etwas hinzu. Neben Strukturen, Prozesse, Rollen und KPIs geht es vor allem um die Menschen innerhalb der Organisation und deren Zusammenwirken. Auf dem Papier kann alles klar und durchdacht erscheinen. Wenn die beteiligten Menschen aber nicht wissen, welche Auswirkungen eine Handlung oder eine Veränderung auf sie persönlich, ihre Rolle, ihre Verantwortung, ihre finanzielle Entwicklung usw. hat, bleibt jegliche Klarheit wirkungslos.

Erst wenn Menschen das Gefühl haben, handeln zu dürfen, ohne ihre Iden7tät, ihre Zugehörigkeit oder ihren Status zu verlieren, kann aus Klarheit eine wirksame und nachhaltige Handlung entstehen.

Was unterscheidet systemisches Coaching von klassischen Lösungsansätzen?

Der zentrale Unterschied liegt aus meiner Sicht im Blickwinkel. Klassische Lösungsansätze konzentrieren sich oft stark auf das Problem und suchen nach schnellen Antworten oder Tools, um ein Verhalten oder eine Organisation zu ändern. Das kann kurzfristig funktionieren, greift aber nachhaltig zu kurz, wenn die Ursachen tiefer liegen.

Systemisches Coaching nimmt eine andere Perspektive ein. Es schaut nicht isoliert auf die Person oder die Organisation, sondern auf Zusammenhänge, Wechselwirkungen und Muster. Also darauf, warum ein Verhalten in einem bestimmten Kontext sinnvoll geworden ist und welche Funktion es erfüllt.

Ein weiterer Unterschied ist die Haltung. Systemisches Coaching gibt keine Lösungen vor. Es schafft einen Raum, in dem Menschen und Organisationen ihre eigenen Antworten entwickeln können. Dadurch entsteht nicht nur eine Lösung für das aktuelle Thema, sondern zudem ein besseres Verständnis für sich selbst und für zukünftige Herausforderungen.

Christian Markgraf über Klarheit und Handeln

Zitat Christian Markgraf

Welche Veränderung erleben Klienten meist schon früh im Prozess?

Bereits nach kurzer Zeit erleben viele Klienten einen echten Perspektivwechsel. Sie merken, dass sie ihrer Situation oder Herausforderung nicht hilflos ausgeliefert sind, sondern wieder Einfluss nehmen können.

Allein dieses Erkennen verändert viel. Gedanken werden klarer, der innere Druck lässt nach und es entsteht das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Dadurch kommen Klienten wieder in die aktive Steuerung, statt sich permanent getrieben zu fühlen.

Ein weiterer wichtiger Effekt ist, dass Veränderung plötzlich greifbar wird. Viele stellen fest, dass es weniger um radikale Umbrüche geht als um klare, reflektierte Entscheidungen, das Übernehmen von Selbstverantwortung und kleine, bewusste Schritte. Das nimmt die Schwere raus und gibt Zuversicht, dass Entwicklung weder kompliziert noch endlos sein muss.

Wie profitieren Führungskräfte konkret von Ihrer Arbeit?

Führungskräfte profitieren vor allem bei den Punkten, an denen klassische Trainings an ihre Grenzen kommen. Durch die gemeinsame und vor allem individuelle Arbeit verstehen Führungskräfte besser und nachhaltiger, warum sie in bestimmten Situationen unter Druck geraten, nicht so entscheiden oder führen, wie sie es eigentlich gerne möchten und warum sie immer wieder in ähnliche Verhaltensweisen und Gedanken rutschen.

Dieses Verständnis führt anschließend zu ruhigeren Entscheidungen, klarerer Kommunikation und einem souveräneren Auftreten, gerade in  anspruchsvollen Situationen.

Ein zweiter konkreter Effekt ist mentale Entlastung. Viele Führungskräfte tragen viel Verantwortung, sind einem hohen Erwartungsdruck ausgesetzt und können dabei schnell und unbemerkt den Kontakt zu ihren eigenen Grenzen verlieren. Durch unsere Arbeit entsteht ein besseres Gespür dafür, was der Person in ihrer Rolle als Führungskraft wirklich wichtig ist, wo sie bewusst führen und wo sie gezielt und mit gutem Gewissen loslassen und delegieren kann.

Langfristig wirkt sich das zudem auch direkt und positiv auf die Organisation aus. Führung wird klarer, verbindlicher und menschlicher. Teams profitieren von mehr Orientierung, weniger Reibung und einer Führungskraft, die nicht aus Druck und reinem Verantwortungsbewusstsein heraus agiert, sondern aus Klarheit und innerer Stabilität.

Wann ist der richtige Moment, sich professionelle Unterstützung zu holen?

Im Idealfall, bevor der Leidensdruck zu hoch wird und sich erste mentale oder körperliche Warnsignale zeigen. Ein guter Zeitpunkt ist immer dann, wenn ich merke, dass ich gedanklich wiederholt an die gleichen Punkte komme, obwohl ich bereits viel ausprobiert habe.

Oder wenn unklar ist, wie eine Entscheidung getroffen werden soll oder wie der eigene weitere Weg aussehen kann. Letztlich immer dann, wenn der Wunsch nach neuen, ehrlichen und wertfreien Impulsen und Perspektiven von außen entsteht. Egal ob als Individuum oder als Organisation.

Über Christian Markgraf

Christian Markgraf ist systemischer Coach und Organisationsentwickler mit über zehn Jahren Erfahrung in der Management- und Inhouse-Beratung. Nach mehreren Jahren in der Organisationsentwicklung eines internationalen Spin-offs verbindet er heute seine Beratungserfahrung mit systemischem Coaching für Fach- und Führungskräfte. Neben Einzel- und Gruppenformaten begleitet er als unabhängiger Berater Transformations- und Strategieprojekte mit dem Ziel, wirksame Führung und nachhaltige Leistungsfähigkeit praxisnah zu verbinden.

Wachstum beginnt dort, wo Ausreden enden.

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