Marcel Kaffenberger arbeitet dort, wo klassische Coachingprozesse oft abbrechen: unter der Oberfläche. In seiner Arbeit zeigt sich immer wieder, dass nachhaltige Veränderung nicht durch neue Tools entsteht, sondern durch das Verstehen der eigenen Persönlichkeit, Motive und unbewussten Schutzmechanismen. Wer Symptome bekämpft, ohne den inneren Kontext zu erkennen, bleibt im selben Muster gefangen.
Im Interview spricht Marcel Kaffenberger darüber, warum Motivation allein selten trägt, weshalb Überinformation mehr blockiert als hilft und wieso Identität der entscheidende Hebel für echte Transformation ist. Er erklärt, warum Entwicklung nicht durch positives Denken entsteht, sondern durch Beziehung, Erfahrung und den Mut, das eigene Selbstbild ehrlich zu hinterfragen.
Marcel Kaffenberger im Interview

Warum scheitern so viele Coaching Prozesse trotz guter Methoden?
Veränderung scheitert selten an Methoden. Sie scheitert daran, dass Menschen versuchen, Symptome zu verändern, ohne den inneren Kontext zu verstehen, aus dem diese Symptome überhaupt entstehen. Nachhaltige Veränderung ist also selten eine Frage der „richtigen Methode“, sondern ein Ergebnis aus fundiertem Persönlichkeitsverständnis, Motivstruktur und der Arbeit mit unbewussten Prozessen.
Etwas provokativ ausgedrückt: Wer glaubt, die Erde sei eine Scheibe, kommt auch mit den dafür passenden Tools nicht wirklich weiter. Studien zur therapeutischen Allianz zeigen, dass die Qualität der Beziehung zwischen Coach und Coachee zu den stärksten Erfolgsprädiktoren zählt – verschiedene Erhebungen sprechen von bis zu 70 Prozent des Coaching-Erfolgs.
In der Praxis rutschen beide Seiten trotzdem oft zu schnell in Tools und Techniken ab, um möglichst schnell „Ergebnisse“ zu produzieren. Veränderungsarbeit ist jedoch nur dann sinnvoll, wenn sie zum Persönlichkeitsprofil passt, innere Inkongruenzen und Sabotageprogramme berücksichtigt und geprüft wird, ob Ziele wirklich mit den wahren Motiven und der Identität übereinstimmen.
Viele Prozesse scheitern nicht am Problem selbst, sondern am inneren Widerstand dagegen, an dem Versuch, etwas zu verändern, bevor verstanden wurde, wogegen das System sich eigentlich schützt.
Was entscheidet wirklich darüber, ob Veränderung nachhaltig gelingt?
Mein Leitspruch lautet: Always know your why. Wer sein Warum kennt – hinter Unzufriedenheit, Wollen und Handeln – hat überhaupt erst eine Chance auf nachhaltige Veränderung. Unser Denken ist durch Herkunft, Erziehung, Kultur und Erfahrungen konditioniert; wir sehen die Welt durch die Brille der Vergangenheit und reagieren auf Neues häufig mit alten Mustern.
Ein großer Teil unserer täglichen Gedanken wiederholt sich ständig; so entstehen mentale Schleifen, die unser Erleben steuern, oft ohne dass wir es bemerken. Das verhindert manchmal einen neuen Blick auf das eigene Leben und führt nicht selten dazu, dass wir uns mit Dingen abgefunden haben, ohne sie grundlegend zu hinterfragen.
Wir handeln zu einem sehr großen Teil unbewusst, getragen von intrinsischen Motiven. Wer diese nicht kennt, setzt Ziele, die vielleicht nicht zum eigenen Naturell passen. Basiert dies auf einem geringen Selbstwertgefühlt, kostet das Kraft und führt häufig zu Kompensation: Anerkennungsstreben, Statusdenken, Machtwünschen oder permanenter Ablenkung.
Nachhaltige Entwicklung entsteht, wenn Menschen verstehen, wer sie sind, wofür sie stehen und welche Form von Zielen überhaupt „ihre“ sind. Es geht darum, Verantwortung für die eigenen Reaktionen zu übernehmen und das Leben bewusst zu gestalten, statt nur auf die eigene Programmierung zu reagieren.
Welche mentale Blockade begegnet Ihnen im Coaching am häufigsten?
Es ist selten die eine mentale Blockade. Was ich jedoch sehr häufig sehe, ist Überinformation – durch KI noch verstärkt – die eher lähmt, als hilft. Noch nie haben wir so viel in unser Wohlbefinden investiert und gleichzeitig war die globale Lebenszufriedenheit noch nie so niedrig.
Wir frieren in Eiswannen, meditieren mit Apps, atmen im Viereck. Obgleich viele der einzelnen Ansätze gut und richtig sind, führt dieses Muster schnell von der Fülle zur Völle. Viele glauben, ihnen fehle Wissen oder weitere Tools, dabei wissen die meisten längst, was gut für sie wäre. Überinformation bedeutet heute oft, dass Klienten so vollgestopft sind mit vermeintlichem Wissen, dass ihr Blick für das Wesentliche völlig verstellt ist.
Zudem gaukelt uns diese Informationsbeschaffung auch Veränderung vor. Die entscheidende Frage ist nicht „Was müsste ich tun?“, sondern „Warum tue ich es nicht?“. Der Knowing-Doing-Gap ist kein Informationsproblem, sondern ein strukturelles und psychologisches. Vielleicht ist der größte gemeinsame Nenner, dass wir im Kern alle Angst haben und im Außen versuchen, unser Gefühl eines fehlenden Selbstwertes auszugleichen.
Auf dem Weg zur inneren Befreiung dieses Mangels ist das Wahrnehmen unserer Emotionen wichtig und heilsam. Gefühle sind zwar kein guter Indikator für die Realität, sie bestimmen jedoch den Filter unserer Wahrnehmung. Wir haben gelernt, negative Emotionen als Störfaktor zu sehen, dabei sind sie wertvolle Informationen. Unverarbeitete Emotionen führen dazu, dass Menschen agieren und reagieren, ohne zu wissen, warum.
Marcel Kaffenberger und die Macht des Unbewussten

Warum reicht Motivation allein selten für echten Durchbruch?
Motivation trägt nur, wenn sie zur echten intrinsischen Motivstruktur passt. Doch oft steht hinter dem Strohfeuer der kurzfristigen Motivation ein Bedürfnis, das erfüllt werden will, doch der Weg dahin ist für einen selbst nicht der richtige. Willenskraft funktioniert eher wie die Batterie eines Smartphones: morgens geladen, abends leer.
In der Forschung wird das als Erschöpfung von Selbstkontrolle beschrieben. Willenskraft ist damit kein tragfähiges Fundament, eher ein Notfallsystem. Wer Transformation ausschließlich darüber erzwingen will, kämpft gegen die eigene Psychologie. Neurowissenschaftliche Forschung geht davon aus, dass der weitaus größte Teil unserer Verarbeitungsprozesse unbewusst abläuft – Schätzungen sprechen von über 95 Prozent.
Viele wollen ein Ergebnis im Außen, ohne den Weg dorthin leben zu wollen. Nachhaltige Veränderung entsteht, wenn Blockaden gelöst werden, das richtige Umfeld geschaffen und ein Prozess gefunden wird, der zu einem passt und im besten Fall sogar Freude macht. Reines „positives Denken“ scheitert häufig, weil unter der Oberfläche weiterhin Zweifel und Angst arbeiten.
Welche Rolle spielt Identität im professionellen Coaching?
Die populäre Coachingwelt sagt gern: „Change your thoughts – change your life“. Gedanken sind jedoch nur die Oberfläche. Wenn Sie sich in sich selbst täuschen, täuschen Sie sich auch in dem, was Sie glauben zu wollen. Wenn Sie innere Spannungen in sich tragen – ungelöste emotionale Konflikte, alte Muster – helfen keine Affirmationen.
Im Gegenteil: Positive Suggestionen stoßen auf innere Zweifel und erzeugen eine innere Spaltung. Tiefe Transformation braucht Konfrontation und echte Heilung, nicht psychologische Kosmetik. In vielen von uns wirkt zudem ein alter Glaubenssatz: Leiden macht uns würdig. Als müssten wir erst durch Schmerz gehen, um uns Glück zu „verdienen“. Solange Leid mit Bedeutung verknüpft bleibt, sabotiert es das eigene Wohlbefinden. Dann wird Glück zur Bedrohung und Heilung zum Verrat an der eigenen Geschichte.
Stress, Leid und Opfer werden noch immer oft mit Stolz wie Orden auf der hart arbeitenden Brust getragen, als Zeichen für den eigenen Wert. Die eigentliche Frage lautet daher nicht: Wie kann ich anders werden? Sondern: Wer glaube ich zu sein, dass ich überhaupt anders werden muss? Erfolg entsteht durch die Version von sich selbst, die man sich erlaubt zu leben.
Transformation beginnt mit dem ehrlichen Blick auf das eigene Selbstbild: Sind Sie jemand, der es noch schaffen muss, oder jemand, der sich erlaubt, bereits wertvoll zu sein?
Was sollten Coaches heute anders machen, um wirksam zu bleiben?
Coaches bleiben wirksam, wenn sie nicht mit Information konkurrieren. Wissen ist überall verfügbar. Wirkung entsteht durch Beziehung, Präsenz und die Fähigkeit, innere Zusammenhänge und Dynamiken sichtbar zu machen. Menschen verändern sich nicht vor allem durch neue Einsichten, sondern durch neue Erfahrungen. Wissen ohne Erfahrung bleibt leer.
Das erinnert mich an eine Szene aus dem Film Good Will Hunting: Man kann alles über Michelangelo wissen. Aber man kann nicht sagen, wonach es in der Sixtinischen Kapelle riecht, wenn man nicht einmal dort gewesen ist. Man kann über Liebe zitieren, hat sich aber vielleicht noch nie beim bloßen Anblick eines Menschen wehrlos gefühlt.
Und man weiß nicht, was wirklicher Verlust ist, wenn man noch nie den Kopf eines sterbenden Freundes gehalten hat und sieht, wie er einen mit den Augen anfleht. Genau dort liegt die Grenze von Wissen ohne Erfahrung. Wirksam bleiben Coaches, wenn sie nicht einfach Konzepte hinzufügen, sondern echtes Zuhören, emotionale Sicherheit und korrigierende Erfahrungen im Kontakt ermöglichen.
Wirksamkeit bedeutet nicht, mehr hinzuzufügen, sondern das zu entfernen, was Entwicklung verhindert. Veränderung entsteht dabei oft weniger durch das Gesagte als durch das, was im Kontakt geschieht. In der Übertragung und Gegenübertragung werden unbewusste Beziehungsmuster im Coaching reaktiviert und genau darin liegt, bewusst wahrgenommen und reflektiert, eine der größten transformierenden Kräfte.
Über Marcel Kaffenberger
Marcel Kaffenberger ist Coach, Unternehmer und Autor mit einer fundierten Expertise in Persönlichkeitsentwicklung, Profiling und systemischem Coaching. Als zertifizierter Coach mit langjähriger Erfahrung begleitet er Menschen dabei, mentale Klarheit zu gewinnen, unbewusste Blockaden zu lösen und ihr volles Potenzial zu entfalten. Mit seinem MetaMental®-System kombiniert er wissenschaftlich fundierte und hocheffektive Methoden aus Coaching, Psychologie, Profiling, Neurowissenschaft, Meditation, Breathwork und Hypnose.








