Interview

Stefan Rudel – Innere Stabilität schlägt Fachkompetenz

Stefan Rudel begleitet Führungskräfte und Teams dabei, auch unter hoher Belastung klar, wirksam und handlungsfähig zu bleiben. In diesem Interview zeigt er, warum moderne Führung weniger mit Fachwissen zu tun hat und viel mehr mit emotionaler Selbststeuerung, innerer Stabilität und bewusster Selbstführung.

Er erklärt, weshalb hochkompetente Menschen häufig nicht an ihrem Können scheitern, sondern an unbewussten inneren Mustern. Stefan Rudel macht deutlich, warum Coaching dort ansetzt, wo klassische Weiterbildung endet und wie Selbstwahrnehmung, Emotionswissen und Wirkungskompetenz zum entscheidenden Karrierefaktor werden.

Interview mit Stefan Rudel

Interview Stefan Rudel

Welche Fähigkeiten brauchen Führungskräfte heute am dringendsten?

Führungskräfte stehen heute unter permanentem Druck. Sie werden beobachtet, bewertet und müssen Entscheidungen treffen, obwohl Informationen oft unvollständig sind. Das erzeugt eine hohe emotionale Belastung.

Die entscheidende Fähigkeit ist deshalb nicht weiteres Fachwissen, sondern emotionale Selbststeuerung. Wer die eigenen Emotionen nicht regulieren kann, reagiert reflexhaft statt bewusst. Unter Druck gehen dann Klarheit, Wirkung und Vertrauen verloren. Führung wird hektisch, kontrollierend oder vermeidend, und sie verliert an Orientierung.

Die zentrale Kompetenz moderner Führung lautet daher: sich selbst führen, bevor man andere führt. Das bedeutet, innere Impulse wahrzunehmen, ohne ihnen sofort zu folgen, Spannungen auszuhalten und auch unter hoher Belastung handlungsfähig zu bleiben. Leadership beginnt mit innerer Stabilität und nicht mit Kontrolle.

In meiner Coaching-Praxis arbeite ich häufig mit exzellenten Fachkräften, die in Führungsrollen gewechselt sind. Viele glauben, sie müssten weiterhin in allen fachlichen Fragen die größte Expertise besitzen. Diese Annahme führt oft zu Überforderung und innerem Druck. Und sie hemmt Potenziale im Team!

Wirksame Führung entsteht aus einer inneren Haltung: der Fähigkeit, Menschen zu lesen, Orientierung zu geben und die Ressourcen eines Teams gezielt zu aktivieren. Dafür braucht es Empathie, Emotionswissen und Selbstklarheit. Fähigkeiten, die lange unterschätzt wurden, heute aber immer mehr zur Voraussetzung erfolgreicher Führung werden.

Warum scheitern viele Menschen trotz hoher Kompetenz?

Weil Fachkompetenz allein keine Wirkung erzeugt.

Viele hochqualifizierte Menschen scheitern nicht an ihrem Können, sondern an unbewussten inneren Mustern. Dazu gehören das Bedürfnis, es allen recht zu machen, Angst vor Konflikten, fehlende Klarheit über die eigene Rolle oder starke innere Antreiber, die dauerhaft Druck erzeugen.

Nach außen wirken diese Menschen engagiert, loyal und leistungsbereit. Gleichzeitig kommunizieren sie zu vorsichtig oder zu aggressiv, setzen keine klaren Grenzen oder übernehmen Verantwortung für Themen, die eigentlich ins Team gehören. Die Folge: Ziele werden verfehlt, Teams verlieren Orientierung oder ziehen sich innerlich zurück.

In meiner Coaching-Praxis zeigt sich immer wieder, dass das Bewusstsein für diese inneren Muster kaum ausgeprägt ist. Viele Führungskräfte erkennen nicht, wie stark ihr Verhalten durch innere Überzeugungen, emotionale Reaktionen und unbewusste Motive gesteuert wird.

Die Lösung liegt daher selten auf der fachlichen Ebene. Entscheidend ist der Aufbau von Emotionswissen und die Fähigkeit, eigene Emotionen sowie die Emotionen anderer präzise wahrzunehmen und zu regulieren. Das erhöht Empathie, Menschenkenntnis und persönliche Wirkung, und macht Kompetenz erst wirksam.

Was macht Coaching wirksamer als klassische Weiterbildung?

Weiterbildung vermittelt Wissen und Methoden. Coaching stellt die richtigen Fragen und verändert Verhalten.

In klassischen Trainings lernen Menschen Modelle, Methoden und Konzepte. Das ist sinnvoll, führt aber selten zu stabiler Veränderung unter Druck. In Belastungssituationen greifen wir automatisch auf vertraute Muster zurück.

Coaching setzt genau dort an, wo Entscheidungen tatsächlich entstehen: im Inneren des Menschen. Es macht unbewusste Denk-, Gefühls- und Handlungsmuster sichtbar und schafft Raum für echte Selbstreflexion. So wird verständlich, warum Menschen auf der Verstandesebene zustimmen, sich in der Umsetzung aber immer wieder selbst blockieren.

Wirksame Veränderung braucht Zeit und Begleitung. Ein einzelnes Training kann dafür meist nur einen Impuls setzen. Coaching ermöglicht die Übertragung von Wissen in den Alltag und schafft neue Wahlfreiheit im konkreten Handeln.

Kurz gesagt: Weiterbildung erweitert den Horizont – Coaching verändert die Haltung.

Aus meiner Erfahrung sind die wirksamsten Entwicklungsformate jene, die Wissensvermittlung mit Umsetzungscoaching verbinden. Investitionen in solche Kombinationen zahlen sich schneller und vor allem nachhaltiger aus, weil sie nicht nur Wissen vermitteln, sondern Verhalten ändern.

Stefan Rudel über Selbstführung und Persönlichkeit

Zitat Stefan Rudel

Wie bleiben Teams handlungsfähig unter dauerhaftem Druck?

Nicht durch noch mehr Meetings oder Motivationstrainings, sondern durch psychologische Sicherheit und klare Führung.

Teams geraten unter Druck dann ins Stocken, wenn Unsicherheit, Schuldzuweisungen und Vorwürfe oder unausgesprochene Spannungen den Raum dominieren. Energie fließt dann in Absicherung statt in Lösung.

Handlungsfähige Teams zeichnen sich aus durch klare Erwartungen, einen offenen Umgang mit Fehlern und die Fähigkeit, Konflikte nicht zu vermeiden, sondern konstruktiv zu führen. Entscheidend ist dabei die emotionale Stabilität der Führungskraft. Sie gibt Orientierung, auch wenn es ungemütlich wird.

Ein Team kann nur so stabil sein wie die innere Stabilität seiner Führung. Führungskräfte haben die Aufgabe, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Offenheit möglich ist, problematische Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und anzusprechen und Verantwortung dort zu lassen, wo sie hingehört.

In diesem Sinne ist Führung weniger das Liefern fertiger Lösungen, sondern das Moderieren von Lösungsprozessen. Handlungsfähige Teams wissen um ihre unterschiedlichen Stärken, setzen diese bewusst ein und sind in der Lage, Spannungen auszuhalten, ohne in destruktive Muster zu verfallen.

Welche innere Ressource wird am meisten unterschätzt?

Selbstwahrnehmung.

Viele Menschen halten sich für reflektiert, merken aber nicht, wie stark sie im Alltag von Stress, alten Mustern oder inneren Antreibern gesteuert werden. Wer sich selbst nicht wirklich wahrnimmt, kann sich auch nicht bewusst steuern.

Selbstwahrnehmung ist die Grundlage für emotionale Intelligenz, Führungskompetenz und persönliche Entwicklung. Dennoch wird sie oft als „weich“ oder nebensächlich abgetan, dabei ist sie ein harter Erfolgsfaktor.

Eine präzise Selbstwahrnehmung setzt Emotionswissen voraus. In meiner Praxis erlebe ich oft, dass Menschen ihre innere Wahrnehmung zwar spüren, sie aber keiner konkreten Emotion zuordnen können. Doch genau hier liegt ein zentraler Hebel: Emotionen klar zu erkennen, zu benennen und in ihrer Funktion zu verstehen. Unangenehme Emotionen werden häufig unterdrückt oder vermieden.

Dabei zeigen sie lediglich an, dass ein Bedürfnis verletzt oder nicht erfüllt ist. Wer lernt, Emotionen bewusst wahrzunehmen, zu verstehen und mit körperlichen Signalen in Verbindung zu bringen, gewinnt eine neue Ebene der Selbststeuerung. Und damit eine entscheidende Voraussetzung für wirksames Handeln unter Druck.

Was ist der wichtigste Hebel für einen echten Karrieresprung?

Klarheit über die eigene Wirkung.

Viele Menschen glauben, dass vor allem Leistung entscheidend für die Karriere ist. Karrieresprünge entstehen nicht, weil jemand mehr arbeitet, sondern weil andere ihm mehr zutrauen. Und das passiert, wenn innere Haltung, Kommunikation und Auftreten stimmig sind und Leistung antizipiert wird.

Persönliche Wirkungskompetenz lässt sich auf zwei zentrale Fragen verdichten: Wie will ich wirken? Und wie wirke ich tatsächlich?

Wirkung entsteht von innen nach außen. Wer weiß, wofür er steht und wofür nicht und das authentisch zeigt, wird anders wahrgenommen. Je besser Menschen ihre Werte und Motive verstehen und konsequent in Handlung übersetzen, desto größer wird ihre Wirksamkeit.

Der entscheidende Hebel ist daher nicht Selbstoptimierung, sondern Selbstführung mit klarer Positionierung.

Über Stefan Rudel

Stefan Rudel ist Coach für Führungspersönlichkeiten und begleitet Fach und Führungskräfte dabei, emotionale Selbststeuerung, Klarheit und persönliche Wirkung gezielt zu entwickeln. In seiner Arbeit verbindet er Emotionswissen, Selbstführung und Coachingpraxis, um nachhaltige Führung unter Druck möglich zu machen. Sein Fokus liegt auf innerer Stabilität als Grundlage wirksamer Entscheidungen, klarer Kommunikation und authentischer Führung.

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